In La propiedad en construcción. Luchas por los bienes comunales en la Mancha, 1816–1912 analysiert Vicente Cedrero Almodóvar die Entwicklung des Eigentums, insbesondere den konfliktreichen Prozess des Umbaus von Gemeineigentum zu liberalem Eigentum. Dieser Prozess wird innerhalb eines bestimmten geographischen und zeitlichen Raumes historisch beschrieben und auf einen konkreten Typ von Gemeineigentum fokussiert, indem der Verfasser sich auf die Ereignisse der Jahre 1816–1912 in der spanischen Region Campo de Calatrava konzentriert und Bezug nimmt auf Güter, die dem Gegenstand des derecho maestral unterlagen. Das derecho maestral war ein feudales Einkommen zugunsten des Landherrn bezüglich der Gemeingüter und spielte eine wichtige Rolle in den Bauerndörfern von Calatrava. Als rechtliche Institution bestand es in einer Gegenleistung für die Nutzung der Weiden (etwa im Sinne einer Weidenpacht – arriendo de los pastos) und bedeutete, dass die Dörfer dem Landherrn (maestre) jährlich die Hälfte ihres Einkommens abzugeben hatten.
Bemerkenswert ist, dass dieses feudale Rechtsinstitut ein Hindernis auf dem Weg zur Festigung neuzeitlichen Eigentums war, und trotzdem hat es |nicht nur die Verordnung des Cortes de Cádiz von 6. August 18111 und die liberale Revolution überwunden, sondern bis zum ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts weiterexistiert.2
Der Gegenstand des hier besprochenen Buches ist die Beschreibung und Erklärung dieses Fortbestehens. Der Schlüsselaspekt zum Verständnis dieses Prozesses liegt laut Verfasser darin, den spezifischen Mechanismus nachzuvollziehen, der das Überleben solch einer feudalen Belastung trotz des Schwelens von Konflikten ermöglichte. Almodóvar gelangt zu der Auffassung, dass das Über- bzw. Weiterleben des derecho maestral nur aufgrund der Paradoxie möglich war, dass sich sein Umfeld zu einem sehr konfliktreichen weiterentwickelte (24, 68). Die Paradoxie ist durch folgende Aspekte gekennzeichnet: Auf der einen Seite privatisierte der Staat nicht nur die Güter der kirchlichen señorios, sondern auch die Güter der Gemeinderäte (ayuntamientos), da beide als feudale Hindernisse angesehen wurden. Auf der anderen Seite formte derselbe Staat das derecho maestral von einem feudalen Einkommen zu einer Form staatlichen Einkommens um. Wegen dieser Strategie des Staates blieben starke Konflikte in den Bauerndörfern von Calatrava bestehen, was auf zwei Gründe zurückzuführen ist: einerseits die wichtige Rolle von Gemeineigentum in Calatrava und in der bäuerlichen Landwirtschaft, andererseits die komplizierte Umsetzung, die das derecho maestral in der sogenannten liberalen Wirklichkeit erfuhr, da seine besonderen Merkmale (Mangel an Verfügbarkeit, an freier Nutzung und an Verwaltung) im Widerspruch zum liberalen Eigentum standen.
Almodóvar stellt die Hypothese auf, dass Übergänge und Verwandlungen in Sachen Eigentumsrecht vor dem Hintergrund der Kompatibilität mit der jeweils konkreten Realität verstanden werden müssen, weil jede Rechtsnorm eine bestimmte soziale Verwurzelung enthält (23). Er kommt zu der Erkenntnis, dass das Gemeineigentum ein Katalysator des Konflikts gewesen sei, deshalb habe jeder Angriff unabhängig von seinen Motiven und Verläufen die gleiche Auswirkung: Konflikt. Um diesen Aspekt zu verstehen, müsse man die wirtschaftlichen Interessen, die diesen Eigentumstyp umgeben, berücksichtigen (36, 244): Die Gewichtigkeit der Landnutzung für die bäuerliche Wirtschaft einerseits und die Bedeutung des Landeinkommens für den Landherrn andererseits.
Zur Untermauerung seiner Argumente beschreibt der Verfasser die verschiedenen Akteure (Gemeinderäte, Bauern, Staat, Privatpersonen) und politischen Szenarien (Trienio Constitucional 1820–1823, Bieno Progresista 1854–1856), in deren Mitte sich das derecho maestral als mediävale Weidepacht fand. Den Umständen seiner Zeit zum Trotz gelingt es dem derecho maestral weiterzuleben, was nur durch eine Analyse der darum kreisenden Interessen zu erklären sei. Dies habe das derecho maestral in seinem Selbsterhaltungstrieb zu konfliktreichen Anpassungen an Forderungen seines politischen und sozialen Umfeldes geführt. Um diesen Kontext zu analysieren, unterscheidet Almodóvar verschiedene Zeiträume. Von 1843 bis 1854 waren die Konflikte mit den privaten Interessen an der Liberalisierung des Eigentums am wichtigsten. Als dieses Eigentum großes Interesse bei Privatpersonen weckte, war der Verkauf des Landes die Lösung. Deshalb erteilte der Staat zwischen 1845–1846 Privatpersonen die Erlaubnis, Landeigentum nach der Enteignung zu kaufen. Dafür aber wurde eine Methode angewendet, die einen doppelten Nachteil für die Gemeinderäte bedeutete, da diese Verkäufe den Staat als Eigentümer voraussetzten: Sie verloren nicht nur ihre Ländereien, sondern bekamen auch keine Entschädigung dafür. Diese Strategie hatte zur Folge, dass der Widerstand der Dörfer gegen die Privatisierung des Eigentums als ein Angriff gegen das »heilige« (241) Eigentumsrecht dargestellt werden konnte. Zwischen 1854–1856 wurde ein Gesetz gegen die |Privatisierung verkündet, welches zu Konflikten mit den Käufern führte. Schließlich wurde die Verkaufspolitik unter heftiger Kritik der Gemeinderäte von 1873 bis 1898 weitergeführt.
Das Buch behandelt die verschiedenen und konfliktreichen Seiten des Weiterlebens des derecho maestral. Almodóvar beschreibt mit Detailreichtum und kontextgebundenen Analysen den Auf- bzw. Umbauprozess von (Gemein-)Eigentum in vielen Phasen. Jede berücksichtigt mannigfaltige Argumente, Akteure, Interessen und Ordnungen, die für bestimmte Kontexte maßgeblich waren. Nichtsdestoweniger teilen sie aber das Merkmal, dass der Konflikt um Land stets ein Teil des Alltags war. Er erfuhr (und nicht ohne so manche gewalttätige Färbung) relevante Widerstände, die ihrerseits für die Materialisierung und Entwicklung dieses Rechtsinstituts mitverantwortlich waren. In einer Umwelt, in der politische Veränderungen dauern, kann man auch Wandlungen im Bereich des Sprachgebrauchs, in öffentlichen Debatten und Rechtskategorien wahrnehmen, die am Schutz der Bauern und ihres Gemeineigentums ausgerichtet waren (siehe insbesondere Kapitel drei, vier und fünf). Die Art und Weise, wie Almodóvar die Veränderungen des Eigentumsrechts versteht, spiegelt den Einfluss nicht nur traditioneller Forscher wie Bartolomé Clavero oder Mariano Peset, sondern auch die neue Perspektive von Rosa Congost3 wider.
In diesem Sinne ist diese Abhandlung Almodóvars nicht nur ein wichtiger Beitrag für die Landeigentumsstudien in und über Spanien, sondern stellt auch einen interessanten Ansatz für diejenigen dar, die sich mit der Beschreibung des kontinuierlichen »Weiterlebens« der primär zum Ancient Régime gehörenden Eigentumsformen in anderen Kontexten von Rechtsordnungen und liberalen Wirtschaften befassen. Es bleibt abzuwarten, wie diese Forschung sich mit einer globalen Perspektive über Fortdauern und Kontinuität von Eigentum vernetzen kann.
* Vicente Cedrero Almodóvar, La propriedad en construcción. Luchas por los bienes comunales en La Mancha, 1812–1912, Madrid: Sílex Ediciones S. L. 2016, 264 S., ISBN 978-84-7737-637-8
1 Die Verordnung handelte von der Abschaffung des señorio. Señorios spielten eine wichtige Rolle in der kastilischen Krone gegen Ende des Mittelalters, weil sie Kernelemente der sozialen Artikulation von Territorien waren. Verschiedene Verfasser, unter anderen Canga Argüelles und Alfonso Guilarte, wiesen auf »Jurisdiccion« als ein besonderes Merkmal von señorios hin. In dieser Perspektive fügte Julio Valdeón nicht nur die verschiedenen Arten von Señorios (militärisch, königlich, kirchlich) hinzu, sondern auch ihre Beziehungen zum Adel. Diese Landherren übten auf ihrem Territorium gerichtliche, militärische, politische und wirtschaftlichen Funktionen aus. Siehe Julio Valdeón, Señoríos y nobleza en la baja edad media. El ejemplo en la corona de Castilla, in: Revista d’História Medieval 8, 15–24.
2 Almodóvar beschreibt das Jahr 1912 als das Hauptmoment dieses Weiterlebens, weil in dieser Zeit die Sociedad Compradora del Término Municipal de Amodovár del Campo aufgelöst wurde (26).
3 Rosa Congost, Sagrada propiedad imperfecta. Otra visión de la revolución liberal española, in: Historia Agraria 20 (2000), 61–93; dies., La »gran obra« de la propiedad. Los motivos de un debate, in: Rosa Congost, J. M. Lana, Campos cerrados, debates abiertos. Análisis histórico y propiedad de la tierra en Europa (siglos XVI–XIX), Pamplona 2007, 21–52; dies., Tierras, leyes, historia. Estudios sobre »la gran obra de la propiedad«, Barcelona, 2007; Rosa Congost, J. M. Lana (Hg.), Campos cerrados, debates abiertos. Análisis histórico y propiedad de la tierra en Europa (siglos XVI–XIX), Pamplona 2007.