Der von Maria Fusaro, Bernard Allaire, Richard J. Blakemore und Tijl Vanneste herausgegebene Band »Law, Labour and Empire. Comparative Perspectives on Seafarers, c. 1500–1800« ist im Rahmen des Forschungsprojektes »Sailing into Modernity: Comparative Perspectives on the Sixteenth and Seventeenth Century European Economic Transition« entstanden. Das Projekt war von 2012 bis 2015 vom European Research Council durch einen Starting Grant gefördert worden. Die Federführung lag bei Maria Fusaro. Angesiedelt war es an der Universität Exeter. Die drei |Mitherausgeber des Bandes waren als Nachwuchswissenschaftler in der sogenannten Postdoc-Phase am Forschungsprojekt beteiligt.
In der frühen Neuzeit ging die Vorherrschaft im Seehandel im Mittelmeer auf die Niederlande und England über. Typischerweise wird dies etwa mit der technischen Überlegenheit der Niederländer und Engländer erklärt. Das Forschungsprojekt nahm diesen Prozess erneut in den Blick und ging dabei von der Annahme aus, dass dieser Prozess entscheidend durch die unterschiedliche rechtliche Stellung der Seeleute, vor allem mit Blick auf die Vertragsbedingungen ihrer Arbeitsverhältnisse, und ihre unterschiedliche ökonomische Stellung bedingt war.1 Diese Unterschiede sowie ihre Wirkungen wollte das Projekt aus rechts-, wirtschafts- und sozialhistorischer Perspektive insbesondere für Italien, Frankreich, England und die Niederlande untersuchen. Dem Projekt lag damit ein vergleichender und interdisziplinärer Ansatz zugrunde.
In ihrem Vorwort (X–XIV) betten die Herausgeber den hier zu besprechenden Band in dieses Forschungsprojekt ein: In der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert sei es zu ökonomischen, kulturellen und rechtlichen Umwälzungen gekommen, die zu einem Großteil auf einen Wettbewerb der nationalen Akteure zurückzuführen seien. Seeleute hätten im Zentrum dieser Entwicklungen gestanden. Sie seien keinesfalls, wie oft angenommen, schutzlos und machtlos und auch keine in sich homogene Gruppe, sondern Teil des ersten wirklich internationalen Arbeitsmarktes gewesen. Diese Rolle der Seeleute könne nur durch einen vergleichenden Ansatz gewürdigt werden, der in der bisherigen Forschung nur unterentwickelt gewesen sei.
Zielsetzung und Programm des Bandes erwecken Interesse: Eine vergleichende Erforschung der rechtlichen Stellung der Seeleute in der frühen Neuzeit fehlt meines Wissens in der Tat. Ob etwaige Unterschiede wirklich geeignet sind, die aufgezeigten Umwälzungen zu erklären, erweckte bei mir Skepsis. Fragwürdig scheint mir die Ausgangshypothese zu sein, die Seeleute der frühen Neuzeit seien Teil des ersten internationalen Arbeitsmarktes gewesen. Denn zum einen traf dies sicherlich auch auf Seeleute aus früheren Zeiten zu. Zum anderen hätte man sich Ausführungen dazu erwünscht, was die Herausgeber unter dem Begriff der Internationalität verstehen. Ihnen scheint es darauf anzukommen, dass Seeleute in Kontakt mit mehreren Rechtssystemen traten, also die Grenzen von Rechtsordnungen überschritten. Doch dieses Phänomen war sicherlich nicht auf Seeleute beschränkt und trat auch schon vor der frühen Neuzeit auf.
Der Band gliedert sich in drei Hauptteile. Ihnen vorangestellt ist ein Überblicksaufsatz von Richard W. Unger (1–17), der die Entwicklung des Seehandels in seinen verschiedenen Facetten sowie die wirtschaftliche Stärke der einzelnen beteiligten Staaten vergleichend nachzeichnet. Für den Leser dieser Zeitschrift ist der erste Hauptteil von besonderem Interesse, der mit »Seamen and Law« überschrieben ist und insgesamt fünf Abschnitte umfasst. Fusaro untersucht Fälle des 17. Jahrhunderts, in denen englische und niederländische Seeleute in Venedig und Genua geklagt hatten, etwa um ausstehende Heueransprüche durchzusetzen (21–42). Andrea Addobbati wendet sich ähnlichen Klagen englischer Seeleute in Livorno (43–60) und Joan Abele allgemein den Rechten und Pflichten der Seefahrer in Malta zu (61–78). Die zwei anschließenden Beiträge haben einen anderen Zuschnitt: Allaire zeichnet die Entwicklung des französischen Seerechts von der Rôle d’Oléron bis zur Ordonnance de la Marine von 1681 nach und beginnt seine Betrachtungen damit bereits im Mittelalter (79–99). Blakemore analysiert die Entwicklung des englischen Seerechts vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis zum Act for the Better Regulation and Government of Seamen in the Merchants Service von 1729 (100–120).
Der zweite Hauptteil ist mit »Seamen and Labour« betitelt und umfasst wiederum fünf Beiträge. Vanneste nimmt den holländischen Arbeitsmarkt für Seeleute im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert in den Blick (123–140), Magnus Ressel den deutschen Arbeitsmarkt im 18. Jahr|hundert (141–157). Jelle van Lottum, Aske Brock und Catherine Sumnall zeichnen die Karriere des deutschen Joseph Ponsaing im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert nach; Ponsaing stieg in Kopenhagen bis zum Kapitän auf und hat Reisen nach Fernost unternommen (158–176). Tim Beattie konzentriert sich auf einen Rechtsstreit um eine englische Kaperfahrt in die Südsee im frühen 18. Jahrhundert (177–194) und Olivier Lopez auf französische Korallenfischer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die im Mittelmeer vor den Küsten Nordafrikas aktiv waren (195–211).
Der dritte Hauptteil ist schließlich mit »Seamen and Empire« überschrieben. Amélia Polónia schaut auf portugiesische Seeleute im Rahmen der Expansion Portugals (215–235), und Carla Rahn Phillips zeichnet die parallelen Entwicklungen für Spanien nach (236–255). Danilo Pedemonte beleuchtet Disziplinarverfahren und Verfahren um englische Deserteure und Meuterer im 18. Jahrhundert in Livorno und Genua (256–271), Matthias van Rossum die rechtliche Stellung indischer Seeleute bei der Vereenigde Oostindische Compagnie im 18. Jahrhundert (272–286) und Yu Po-ching die Stellung chinesischer Seeleute in London und auf St. Helena im 19. Jahrhundert (287–303).
In der Gesamtschau zeichnen die Beiträge ein facettenreiches Bild des Lebens der Seeleute vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Sie zeigen die Lohngefüge für die unterschiedlichen Gruppen auf und beleuchten zahlreiche rechtliche Probleme, einschließlich der Frage nach der Rechtsprechungsgewalt über ausländische Seeleute. Und die Beiträge räumen in der Tat mit dem Bild auf, Seeleute seien anderen Akteuren des Seehandels unterlegen gewesen. Die Autoren zeigen, dass Seeleute oft erfolgreich ihre Rechte und Ansprüche durchsetzen konnten. Schließlich werden die zahlreichen Einzelstudien sorgfältig kontextualisiert. Das alles macht den Band lesenswert.
Allerdings bleiben auch Kritikpunkte: So blieb mir unklar, auf welcher Grundlage die Einteilung in die drei Hauptteile erfolgt ist. In ihrem Vorwort schreiben die Herausgeber, dass sich der zweite Hauptteil des Bandes der Praxis der Schiffsarbeit und der dritte Teil der Stellung der Seeleute in den verschiedenen europäischen »Weltreichen« zuwendet. Aber in allen drei Hauptteilen tauchen immer wieder ähnliche rechtliche Fragestellungen auf, deren Erörterung damit nicht auf den ersten Hauptteil beschränkt blieb. Auch stehen die Beiträge unverbunden nebeneinander. Einen vergleichenden Ansatz verfolgen sie gerade nicht. Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Entwicklungen werden nicht aufgezeigt. Und mir als Leser gelang es nur auf einer sehr allgemeinen Ebene, Gesamtaussagen zu erkennen, eben dass Seeleute nicht schutzlos waren und ihre Rechte durchzusetzen wussten. Dass ein darüber hinausgehendes Gesamtergebnis mir verborgen blieb, lag wohl auch daran, dass die Beiträge unterschiedliche Perspektiven hatten – punktuelle Betrachtung von einzelnen Beispielen aus der Rechtsprechung einerseits und das Nachzeichnen von Entwicklungslinien in den Rechtsquellen andererseits – und unterschiedliche Zeiträume abdeckten. Weiterhin beleuchten die Beiträge Vertragsbedingungen, die Herausgeber sprechen von »contractual conditions«, fast gar nicht. Mir schien, dass die Herausgeber eher die verschiedenen Vertragsrechtsregime meinten. Vor allem aber fehlte mir der Brückenschlag zur Ausgangsthese, nämlich dass der Übergang der Vorherrschaft im Seehandel im Mittelmeerraum auf die Niederlande und England auch durch die unterschiedliche rechtliche Stellung der Seeleute erklärt werden könne. Zu dieser These passten vor allem die Beiträge nicht, die über den Mittelmeerraum hinausgingen. Erst in ihrem Nachwort (304–310) macht Fusaro deutlich, dass die im Vorwort geweckte Leseerwartung überhaupt nicht erfüllt werden sollte (304): »Through a study of contractual conditions and economic treatment of sailors active in the Mediterranean, the project has been testing the hypothesis that differences in this regard were one of the factors in the ultimate success of northern European economies in their commercial penetration of the Mediterranean. This volume encompasses a much wider scope, as its goal is to present the current state of the art on these issues on a global stage.«
* Law, Labour, and Empire. Comparative Perspectives on Seafarers, c. 1500–1800, hg. von Maria Fusaro, Bernard Allaire, Richard Blakemore und Tijl Vanneste, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2015, XIX, 357 S., ISBN 978-1-137-44746-3
0 Zum Folgenden siehe die Zusammenfassung des Projektes auf der Projektseite http://humanities.exeter.ac.uk/history/research/centres/maritime/research/modernity/ (last accessed on 24.07.2017).