Träge und arbeitsscheu ist der römische Gesandte, den Francesco Vettori am 23. November 1513 Niccolò Machiavelli gegenüber skizziert – ein Mann, der lieber schmökernd in der Stube sitzt, sich mit Freunden tummelt oder mit Mädchen von zweifelhaftem Ruf vergnügt und der nicht daran denkt, den Austausch mit anderen Gesandten zu pflegen oder überhaupt wichtige Leute zu treffen. Und wenn er doch einmal zur Feder greift, berichtet er keine brisanten Details über politische Entwicklungen, liefert keine scharfsinnigen Analysen der gegenwärtigen Situation, sondern füllt seine Briefe mit Belanglosigkeiten, die der schlichten Erheiterung des Lesers dienen. Der Mann, über den Francesco Vettori dies berichtet, ist er vermeintlich selbst. Das satirische Selbstportrait, das der Gesandte an der Kurie in Rom augenzwinkernd von sich entwirft, zeigt deutlich, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits eine Reihe recht klarer Vorstellungen existierte, wer oder was ein Gesandter zu sein hatte, welchen Normen er folgen musste und vor allem, was er leisten sollte. Und die Verfestigung dieser Vorstellungen war eben einhergegangen mit der Ausbildung eines ständigen Gesandtenwesens, dessen nähere Betrachtung in Rom besonders spannend zu sein verspricht, da die Kurie zwar in mancher Hinsicht ein typisch europäischer Hof war, während sie in manch anderer Hinsicht aber, durch die besondere spirituelle und rechtliche Rolle des universalen Kirchenoberhauptes, auch atypisch war und nicht ihresgleichen kannte. Hier, in diesem »›supranational‹ centre for European diplomacy« (105), wo sich mehr Gesandte als an allen anderen europäischen Höfen aufhielten, war das Ringen um Benefizien besonders ausgeprägt, war das liturgische Zeremoniell mehr als anderswo ausgebildet; hier in diesem »international gossip shop« (105) flossen besonders viele Informationen zusammen, trafen Normen aller Art aufeinander. In diesem Schmelztiegel kamen viele diplomatische Praktiken miteinander in Berührung, wurden fusioniert und fortentwickelt.
Dem Aufkommen und der Verfestigung dieser neuen Institution des permanenten Gesandten gilt nun Catherine Fletchers Augenmerk, nachdem sie bereits 2012 eine Studie mit dem Titel »Our Man in Rome: Henry VIII and His Italian Ambassador« vorgelegt hat, in der aus der Perspektive des in den Diensten des englischen Königs stehenden Gesandten Gregorio Casali die Scheidung Heinrichs VIII. von Katharina von Aragon beleuchtet wird. Der neue Band steht erkennbar in der Tradition dieser Arbeit, geht er doch aus einem Forschungsprojekt namens »Our men in Rome. Ambassadors and agents at the papal court, c. 1450–1530« hervor und richtet er sich doch an ein ähnlich breites Fachpublikum bzw. fachlich interessiertes Publikum. Ziel ist es nun, ein möglichst umfassendes Bild des sich herausbildenden ständigen Gesandten(-wesens) von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Sacco di Roma zu zeichnen (170), das sämtliche wichtige Facetten seiner Tätigkeit und seines Wesens erhellt. Die offizielle Rolle als Repräsentanten der sie Entsendenden – und somit zum einen die praktisch-politische Seite ihres Wirkens (u. a. das Einholen und Verbreiten von Informationen, das den Weg-Ebnen und das Verhandeln) und zum anderen ihre symbolisch-zeremonielle Funktion auf dem Parkett der Kurie – soll ebenso zur Sprachen kommen wie ihre, allerdings von ersterer nur schwer zu scheidende, persönliche(re) Seite. Die zwei ineinander übergehenden personae der Gesandten – die offizielle(re) und die private(re) – mit ihren Widersprüchen, Gefahren, aber auch Möglichkeiten ziehen sich somit wie ein roter Faden durch den verhältnismäßig schlanken Band, der in zwei große Abschnitte gegliedert ist.
Unter der Überschrift »Chronologies« werden zunächst die Hintergründe und Rahmenbedin|gungen des sich ausbildenden Gesandtschaftswesen abgesteckt: Neben einer knappen Einbettung in den historischen Kontext (15–35) und einer Skizzierung des zeitgenössischen Verständnisses der Gesandten, wie es sich etwa den zahlreichen neu entstehenden Traktaten entnehmen lässt, sowie einem Überblick über die Aufgaben und Freiräume der Gesandten und deren zwei personae (36–58), wird – auf Grundlage zeremonieller Texte sowie vor dem Hintergrund jüngster um Performanz, Performativität und symbolische Kommunikation kreisender Debatten – der Prozess zunehmender Institutionalisierung der anfangs an der Kurie argwöhnisch beäugten ständigen Gesandten beleuchtet, die schließlich toleriert, dann widerspruchslos akzeptiert und in die liturgische Welt integriert wurden (59–80). Den sich wandelnden Vorstellungen bei der Rekrutierung des als adäquat erachteten Personals und den speziellen Erfordernissen, die Kriegs- und Friedensphasen bei der Akquise der angemessenen Personen mit sich brachten, gelten die folgenden Überlegungen Fletchers (81–102).
Im zweiten Großabschnitt, »Themes«, nimmt Fletcher drei wichtige Facetten der diplomatischen Praxis näher in den Blick: Ihr Augenmerk gilt zunächst dem Feld der Informationsbeschaffung und -verbreitung (105–121), dem dortigen Konkurrieren, aber auch Kooperieren (»information-sharing«, »courier-sharing«), dem Postweg als politischem Raum sowie den Vorzügen diplomatischer – insbesondere familiärer und kommerzieller – Netzwerke für den Kommunikationsstrom. Eine Lokalisierung zentraler diplomatischer Räume in und um Rom, etwa auf der Einzugsroute oder in Form des Palazzo Apostolico, der Kardinalshaushalte und Unterkünfte der Gesandten, sowie die den Banketten, der Gastfreundschaft und der Freigebigkeit zukommende Bedeutung stehen anschließend im Vordergrund (122–144). Zu guter Letzt richtet Fletcher, nicht mehr so stark auf die Kurie fokussiert, ihren Blick auf die Welt und den Prozess des Gabentausches und damit auf diverse Formen von Gaben, auf verschiedene Schenkanlässe und auf die Bemühungen, durch Reglementierungen und Registrierungen sowie durch eine besondere Rhetorik und durch die Einbindung in den Kontext sozialer Normen die Gabenpraxis legal und legitim zu halten, mithin dem Vorwurf der Korruption vorzubeugen, erfolgten illegale und illegitime Gaben doch zumeist im Verborgenen (145–167).
Zweifelsohne haftet dem von Fletcher geschilderten Renaissance-Gesandten etwas Faszinierendes an. In seiner Person und in seinem Umfeld verschmelzen Offizielles und Inoffizielles, Öffentliches und Privates, Formelles und Informelles, und dies lässt ihn auf der römischen Bühne zu einem ganz besonderen Akteur werden, einem Darsteller, der zugleich sich selbst und seinen Herrn spielte bzw. inszenierte. Der zwischen verschiedenen Normativitäten agierende und changierende Gesandte wurde somit zu einer Figur, hinter deren Maske schwer zu blicken, deren wahres Gesicht kaum zu erkennen war: »In diplomacy, however, ambiguity is very useful« (170). Das dürfte wohl zutreffen, und mit Sicherheit eröffneten diese Ambiguität und Ungewissheit gewisse Spielräume; sie boten Platz für listige Manöver, die verschiedene Normen und Normativitäten, aber auch Reaktionen des Papstes und der Kardinäle auszutesten verhalfen und die ein Agieren in den Grauzonen des Zulässigen, in nur sehr marginaler Absprache mit dem sie entsendenden Herrn, erlaubten. Intrigensümpfe, Lug und Trug haben fraglos ihren Reiz, das Buch erscheint dementsprechend sehr anregend, man hätte sich allerdings gewünscht, dass für die Quellenpassagen nicht so häufig eine englische Übersetzung bemüht worden wäre, sondern sich noch öfter originale Wortlaute zumindest in den Fußnoten finden würden. Freilich dürfte dieses Vorgehen der Verbreitung des Buches eher dienlich sein, die man ihm auch wünscht.
* Catherine Fletcher, Diplomacy in Renaissance Rome. The Rise of the Resident Ambassador, Cambridge: Cambridge University Press 2015, 194 S., ISBN 978-1-107-10779-3