Das Recht nimmt keine zentrale Stellung ein in diesem Band zu »Asian Perspectives on the Paris Peace Conference and the Interwar Order, 1919–33«, dies sei gleich zu Beginn dieser Rezension in einer rechtshistorischen Fachzeitschrift angemerkt. Was dieser Band allerdings bietet, sind äußerst vielschichtige und differenzierende Perspektiven auf einen Gegenstand, der in der Rechtsgeschichte bislang nicht nur, aber vor allem auf seine Bedeutung im europäischen Kontext hin erforscht wurde.
|Die Pariser Friedenskonferenz gilt als der gescheiterte Versuch, nach dem Ersten Weltkrieg eine stabile Friedensordnung in Europa zu schaffen. Auf ein zweites, nicht minder folgenreiches Scheitern hatte Erez Manela in seinem Buch »The Wilsonian Moment« (2007) hingewiesen, nämlich auf das nicht eingelöste westliche Versprechen auf Souveränität und Selbstbestimmung für die nicht-westlichen Kolonien.
Hieran anknüpfend, beschränken sich die Beiträge in diesem Band allerdings nicht darauf, lediglich die Herausbildung eines antikolonialen Nationalismus nachzuzeichnen. Eine solche Darstellung sei letztlich nicht komplett losgelöst von einer auf Europa zentrierten Perspektive, so Herausgeber Urs Zachmann in der Einleitung, weil sie die nicht-westlichen Akteure nur im Hinblick auf ihre Reaktion auf den Westen hin betrachte: »This volume attempts to break away from Europe as the epistemic closure and approaches the subject from the opposite direction: that is, it looks at Asian perspectives, sensibilities and motivations in their own right« (3, Hervorhebung im Original).
Der Band zielt nicht darauf ab, lediglich die Perspektiven einzelner asiatischer Länder nebeneinander zu stellen. Ein wichtiges Motiv ist vielmehr, sich herausbildende Identitäten zu beschreiben, die sich als regional bzw. transnational qualifizieren ließen. Es soll hieran gezeigt werden, wie Cemil Aydin betont, dass der Prozess der Dekolonialisierung weit weniger linear verlief, als in vielen Darstellungen angenommen (55). Aydin diskutiert dies am Beispiel der multiplen kollektiven Identitäten asiatischer Muslime, die in der Phase zwischen 1911 und 1924 zwischen regionalen und nationalistischen Tendenzen changierten.
Ein weiteres Beispiel ist die für diesen Band so wichtige Kategorie des »Asianism«. Torsten Weber stellt klar, dass hier keineswegs durch einen analytischen Begriff eine nicht vorhandene Homogenität Asiens unterstellt werden soll. Es handelt sich vielmehr um eine politische Kategorie, die sich insbesondere im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Pariser Friedenskonferenz zu einem Gegenmodell für die westliche Moderne hin verdichtete.
Wie begrenzt die regionalisierenden Tendenzen hingegen waren, zeigt der auf bestimmte Länder fokussierende Zugriff, den die folgenden Beiträge des Bandes wählen. Zwar werden auch an den Beispielen japanischer Buddhisten (LoBreglio) und chinesischer Anarchisten (Müller-Saini) deren Grenzen übergreifende Orientierungen deutlich, aber diese stehen eben in einer spezifischen Spannung zu den jeweils vorherrschenden Nationalismen in den genannten Ländern.
Die hervorgehobene Rolle der Religionen, die sich bereits andeutete, wird in den Beiträgen nicht nur im Hinblick auf ihre Funktion für die Herausbildung einer kollektiven Identität thematisiert. In einem der wenigen Abschnitte des Bandes, der direkt rechtliche Fragestellungen adressiert, beschreibt Kevin M. Doak, wie der japanische Völkerrechtler Tanaka Kōtarō den Katholizismus als Ressource für einen alternativen Ordnungsentwurf verwendete. Ausgehend von naturrechtlichen Vorstellungen versuchte Tanaka, die Forderung nach Selbstbestimmung mit übergeordneten universalistischen Prinzipien zu verbinden. Mit diesem Instrumentarium, so Doak, habe Tanaka die Defizite der Pariser Friedensverträge, die einen stabilen Frieden eben nicht herbeiführen konnten, sehr präzise analysiert.
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv in den Beiträgen des Bandes ist die Rolle der Öffentlichkeit und der Medien. Und dies in durchaus ambivalenter Art und Weise. Der Beitrag von Naoko Shimazu beginnt mit einer überzeugenden Darstellung davon, wie das große Interesse der Öffentlichkeit an der Pariser Friedenskonferenz zur Herausbildung einer öffentlichen Form der Diplomatie geführt habe – die an Anforderungen geknüpft war, denen insbesondere die japanischen Delegierten nicht gerecht wurden: »What this study attempts to do is to suggest the importance of the symbolic in diplomacy; or, more precisely, how images of diplomcy, as constructed largely by the media during the Paris Peace Conference, tended to inform contemporary perceptions of the success of peace conference diplomacy in Paris« (102).
Eine solche Perspektive, die die Rolle der Medien kritisch einordnet, ließe sich auch auf die Beiträge anwenden, die in größerem Umfang auf Medien als Quellen zurückgreifen. Während die Analyse des Niederschlags des chinesischen Nationalismus in der urbanen Presse Shanghais die jeweiligen Quellen insgesamt gut kontextualisiert (Sakamoto), wäre ein ähnliches Vorgehen auch im Hinblick auf die Analyse der Darstellungen des Völkerbundes in indischen Medien begrüßenswert gewesen (Framke). In jedem Falle machen diese Beiträge deutlich, dass die Verwendung der Medien als Quelle besondere Schwierigkeiten aufweist und es einer eingehenden Reflexion bedarf, |über welche Akteure ausgehend hiervon generalisierende Aussagen getroffen werden können.
Der Band verdeutlicht sehr gut, inwieweit das Ende des Ersten Weltkriegs eine Serie von unterschiedlichsten Krisen auslöste, die eben nicht nur Europa, sondern auch Asien in vielfältiger Hinsicht betrafen (Metzler). Dabei wird aber auch deutlich, dass die Akteure in Asien nicht nur auf die Interventionen Europas reagierten, sondern vielmehr eigene Agenden und alternative Ordnungsentwürfe verfolgten. Der Band versammelt unterschiedliche disziplinäre und methodische Zugänge. Zugleich werden makro- und mikrohistorische Perspektiven miteinander verbunden. Auch wenn nicht eine analytische Kernfragestellung ausgewiesen wird, werden zentrale Motive durch die einzelnen Beiträge hinweg weiterverfolgt.
Im kommenden Jahr jährt sich die Pariser Friedenskonferenz zum einhundertsten Mal. Auch wenn der Band nicht aus diesem Anlass initiiert wurde, kann er als ein interessanter Auftakt für eine Reihe weiterer Publikationen gelesen werden, die für das nächste Jahr zu erwarten sind. In jedem Fall macht er deutlich, welches die neuen Perspektiven sind, die sich angesichts eines bereits ausgiebig erforschten Ereignisses der Geschichte des 20. Jahrhunderts noch ergeben können.
* Urs Matthias Zachmann (Hg.), Asia after Versailles. Asian Perspectives on the Paris Peace Conference and the Interwar Order, 1919–33, Edinburgh: Edinburgh University Press 2017, 248 S., ISBN 978-1-4744-1716-7