Asiatische Weltordnungen seit Genghis Khan: Eine Verflechtungsgeschichte *

[Asian World Orders since Chinggis Khan: an Entangled History]

Sabine Dabringhaus Historisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sabine.dabringhaus@geschichte.uni-freiburg.de

Sacred Mandates bietet einen neuen Ansatz zum Verständnis der historischen Beziehungen zwischen politischen Ordnungen in Inner- und Ostasien vom frühen 13. bis ins frühe 20. Jahrhundert‍‍‍ sowie ihrer Auswirkungen auf die aktuellen Herausforderungen und Konflikte in der Region. Das Werk ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungszusammenarbeit, an der weltweit über 70 Historikerinnen und Historiker beteiligt waren. Es schöpft aus dem Reichtum ihrer Regionalexpertise. Die drei Herausgeber haben daraus eine sorgfältig durchdachte Analyse der Staatsbildungsprozesse im östlichen Teil Eurasiens in ihren transkulturellen und transregionalen Bezügen geschaffen. Die Thesen des Bandes werden konzentriert auf knapp 200 Textseiten in sieben Kapiteln entfaltet, im Schlusskapitel Überlegungen zu den Implikationen für die Gegenwart angeboten. Das Ziel der Autorengruppe ist es, die übliche chinazentrierte Perspektive auf die Geschichte der Region durch einen sorgfältigen Blick auf die Koexistenz und Verflechtung multipler Weltordnungen zu überwinden. Die sinozentrische Selbstbeschreibung chinesischer Dynastien wird ebenso revidiert wie das erstmals 1968 von dem amerikanischen China-Historiker John K. Fairbank einflussreich formulierte Modell einer Chinese World Order.1 Einen produktiven Anknüpfungspunkt bietet das von Morris Rossabi 1983 herausgegebene Werk China among Equals, das für die Periode vom 10. bis zum 14. Jahrhundert Chinas Offenheit gegenüber den Nachbarreichen und seine pragmatische, realistische Außenpolitik hervorhob.2

Sacred Mandates schließt chronologisch an den Rossabi-Band an und beleuchtet die drei Weltordnungen im Osten Eurasiens – die Autoren bevorzugen den Begriff »Inner- und Ostasien« –, die seine Geschichte bis ins frühe 20. Jahrhundert prägten. Bemerkenswert für diese multipolare Konstellation ist, dass die mongolischen, sino-konfuzianischen und tibetisch-buddhistischen Weltordnungen nicht nur nebeneinander existierten, sondern auch miteinander interagierten und sich überlagerten. Ausgehend von ihren unterschiedlichen natürlichen und geographischen Voraussetzungen entwickelten sie eigene Herrschaftsmodelle und Gemeinwesen sowie kulturspezifische Normen im Umgang mit anderen Staaten und ethnischen Gruppen. Ähnlich dem europäischen ius gentium beanspruchte jede der drei Weltordnungen zugleich universale Geltung. Jede berief sich auf ein Zentrum, das kulturelle Autorität ausstrahlte, pflegte eine legitimierende Ideologie und schuf einen Verhaltenskodex für den Umgang mit anderen Herrschern und ihren Untertanen. Im‍‍‍ Unterschied zum modernen, westlich geprägten (»westfälischen«) System der »internationalen« Beziehungen regierten die asiatischen Herrscher niemals gleichberechtigt nebeneinander. Ihre Souveränität war nicht territorial definiert, sondern aufgrund der gegenseitigen kulturellen Bezüge teilbar und vielschichtig. Das zeigt sich besonders deutlich am Verhältnis zwischen den mongolischen Khanen und den tibetisch-buddhistischen Oberhäuptern. Als Patrone garantierten die Khane ihren geistlichen Verbündeten militärischen und politischen Schutz. Umgekehrt legitimierten die lamaistischen Oberhäupter die politische Autorität der mongolischen Herrscher.

Die Chronologie der Studie beginnt 1206 mit der Verleihung der Großkhanwürde an Genghis Khan. Dieser Akt symbolisierte die Neuordnung des eurasischen Raumes unter der universalen Souveränität Genghis Khans und seiner Nach|fahren und erinnert an europäische Konzepte imperialer Reichsgründung. Das mongolische Weltreich übte einen nachhaltigen Einfluss auf die Staatsbildungsprozesse und Herrschaftsformen in Inner- und Ostasien aus. Eine ähnlich wichtige Zäsur sehen die Autorinnen und Autoren in der Machteroberung der mandschurischen Qing-Dynastie in China im Jahre 1644. Sie erwies sich als Voraussetzung für die erstmalige Integration aller drei Weltordnungen in einem einzigen Vielvölkerimperium. Hier folgt Sacred Mandates der Neuinterpretation der amerikanischen Schule der New Qing History, die ganz im Sinne einer composite monarchy argumentiert, indem sie das chinesische Kaiserreich nur als Teilreich eines größeren sino-mandschurischen Imperiums versteht.

Charakteristisch für das mongolische Imperium‍‍‍ waren seine extensiven Eroberungen in allen Regionen Eurasiens. Daher spricht die westliche Literatur gerne vom »Mongolischen Weltreich«. Timothy Brook und seine Mitstreiter ziehen in Anlehnung an den von Genghis Khan eingeführten Ehrentitel »Großkhan« den Begriff »Großstaat« vor. Die »Geheime Geschichte der Mongolen«, nach wie vor die Hauptquelle für die Lebenszeit Genghis Khans, beschreiben sie als Gründungsmythos. Als weiteres einigendes Element betrachten sie die mongolische Rechtsordnung (yasa). Zwar zerfiel das Großreich bald in unabhängige Reiche, die Großkhanwürde blieb jedoch bis zu ihrem Erlöschen 1634 ein wichtiges nominelles Strukturelement der zwischenstaatlichen Beziehungen in Innerasien.

Enge Beziehungen bauten die Mongolen schon in ihrer frühen imperialen Phase zur tibetisch-buddhistischen Weltordnung auf. Ab 1227 pflegten die mongolischen Khane ein Patron-Priester-Verhältnis zu Tibets lamaistischen Oberhäuptern. Durch die Eroberung des chinesischen Kernlands und die Gründung der Yuan-Dynastie wurde dann 1279 eine Verbindung zur sino-konfuzianischen Weltordnung hergestellt. Von Anfang an wurden diese Beziehungen unterschiedlich gedeutet: Während die Mongolen die Yuan-Dynastie lediglich als‍‍‍ einen Teilstaat ihres eurasischen Großreiches betrachteten, ordnete Zhu Yuanzhang, der Gründer der in China nachfolgenden Ming-Dynastie (1368–1644), das Yuan-Reich in die Chronologie der chinesischen Dynastien ein.

Die Bedeutung der Ming-Dynastie als Repräsentantin der sino-konfuzianischen Weltordnung sehen die Autoren in der Weiterentwicklung des chinesischen Tributsystems, das unter den Ming-Kaisern seinen Höhepunkt erreichte und die Normen für den zwischenstaatlichen Umgang in dieser Periode festlegte. Ähnlich wie die Erbfolge der mongolischen Großkhanwürde, unterstrichen die Tributbeziehungen die ungleichen Machtverhältnisse in Inner- und Ostasien. Von China »among equals« konnte seit dem Aufstieg der Mongolen nicht mehr die Rede sein. Die Asymmetrie des Tributsystems – die Tributüberbringer reisten immer an den chinesischen Kaiserhof, der selbst niemals reziproke Missionen aussandte – wurde zur Hauptachse des Sinozentrismus.

Bemerkenswert in dem Band ist die Bewertung‍‍‍ der tibetisch-buddhistischen Weltordnung als gleichrangiger Akteur im inner- und ostasiatischen Beziehungssystem. Was ist ihre Besonderheit? Zu allererst die enge Verwobenheit von geistlicher und weltlicher Macht. So entwickelte sich das Patron-Priester-Verhältnis (chö-yön) vor allem in Innerasien zu einem langfristig einflussreichen Strukturelement. Die Qing-Dynastie griff beim Aufbau ihres Vielvölkerimperiums auf Elemente aller drei asiatischen Weltordnungen zurück. Dies liegt nicht nur in der gewaltigen räumlichen Ausdehnung des Qing-Reiches begründet, sondern auch in der geschickten Instrumentalisierung einer Vielzahl von Herrschaftstechniken. Ein Beispiel dafür ist die strukturelle Übersetzung der Vielfalt der mongolischen Stämme in die strikter organisierten territorialen Einheiten der »Banner«. Sacred Mandates geht über die Interpretationen der New Qing History hinaus, indem das Qing-Imperium, eine Zusammenführung der multipolaren Machtformen Inner- und Ostasiens, seinerseits in den noch weiteren Zusammenhang der Geschichte Eurasiens eingeordnet wird.

Konfrontation kennzeichnete von Anfang an die Begegnung mit der neuartigen Weltordnung des modernen westlichen Staatensystems. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stand die Qing-Regierung einerseits unter dem externen Druck, ihre zwischenstaatlichen Beziehungen auf der Grundlage der nominell völkerrechtlichen Gleichberechtigung neu zu ordnen, andererseits demonstrierten imperiale und koloniale Praxis den Chinesen – wie allen anderen Völkern Asiens – ihre Abwertung aus europäischer Perspektive als unzivilisiert und rückständig. Zwar strebte die Qing-Dynastie mit den Reformen ihrer letzten Regierungsjahre noch danach, den Status einer gleichberechtigten, fortschrittlichen Nation in einer globalen Völkerge|meinschaft zu erlangen, doch gelang dies selbst in‍‍‍ der nachfolgenden Chinesischen Republik (1912–1949) nur ansatzweise. Mit der Gründung der Volksrepublik China wurde der Reichtum und die Vielfalt der asiatischen Vergangenheit endgültig zerstört.

Notes

* Timothy Brook, Michael van Walt van Praag et al. (Hg.), Sacred Mandates. Asian International Relations since Chinggis Khan, Chicago: University of Chicago Press 2018, 277 S., ISBN 978-0-226-56276-6

1 John K. Fairbank (Hg.), The Chinese World Order: Traditional China’s Foreign Relations, Cambridge/MA 1968.

2 Morris Rossabi (Hg.), China among Equals: The Middle Kingdom and Its Neighbors, 10th–14th Centuries, Berkeley 1983.