Die Erforschung der spätantik-frühmittelalterlichen Taufpraxis stützt sich in großem Maß auf schriftliche Quellen, vor allem wenn es um die im weitesten Sinne rechtshistorischen Aspekte des Themas geht. Aber die Heranziehung von Sachquellen, den »Überresten« im Sinne der geschichtswissenschaftlichen Methodik, ist ebenso wichtig für das Verständnis beispielsweise von Normen und Wirklichkeiten. Der am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte eingerichtete Forschungsschwerpunkt »Rechtsräume« versucht daher, diese beiden Quellengruppen zusammenzuführen. Insofern ist der hier vorzustellende archäologische Befund von besonderer Bedeutung, nicht nur wegen seiner unmittelbaren Nähe zum Tagungsort der in diesem Band dokumentierten Sektion des Mainzer Historikertages. Im Folgenden werden Holger Grewe, der in Ingelheim tätige Grabungsleiter, und Sebastian Ristow, der archäologische Experte für Baptisterien des ersten Jahrtausends, sowie Caspar Ehlers, der Leiter des Forschungsschwerpunktes am MPIeR, einen Aufsehen erregenden Fund aus Ingelheim, der eng mit dem Thema »Taufe« verbunden ist, vorstellen und kurz kommentieren.|
Fragen zur Kontinuität und damit verbunden der Entstehung und Institutionalisierung des frühen Christentums mit den bedeutenden Befunden steinerner Kirchenbauten gehören zu den Kernproblemen archäologischer und historischer Forschung zum 1. Jahrtausend. Wann Kirchen entstehen, aber auch weshalb und wo, also welche Funktion sie im Siedlungsgefüge erfüllen, sind dabei Fragen, die die Zusammenarbeit von Historikern und Archäologen geradezu herausfordern. Ähnlich wichtig ist unter denselben Aspekten die Herrschaftsarchitektur zu bewerten. Diesen Themenstellungen widmet sich das hier vorgestellte Projekt.
Von archäologischer Seite gilt es, neben der Klärung der Befundchronologie, die nur über die Auswertung der Funde und die Bewertung naturwissenschaftlicher Daten herzustellen ist, auch die formale Einordnung der Baubefunde vorzunehmen. Wichtigste Quellen dazu sind Form und Ausstattung erhaltener Gebäudereste. Nicht jede Apsis gehört zu einer christlichen Kirche, nicht jede Basilika ist christlich. Gerade in der Spätantike können diese Unterschiede fließend sein, aber auch im weiteren Verlauf des Frühmittelalters gibt es Repräsentationsarchitektur, Memorialbauten und so fort, deren Befunde oft falsch eingeordnet wurden, weil sie nur stark fragmentiert erfasst werden konnten. Hier ist archäologische Basisarbeit notwendig. Besonders gilt dies auch für die Stadt Mainz – ein zentraler Ort mit reger Bautätigkeit im Frühmittelalter –, die archäologisch für diese Zeit bisher nur ungenügend dokumentiert ist. So erscheinen Fragen zur Deutung eines neben dem bischöflichen auch möglicherweise vorhandenen weltlichen Zentrums zu früh gestellt.
Nun eröffnet der Neufund eines möglicherweise als frühmittelalterliche Taufpiscina zu deutenden runden Beckens in der Kirche St. Remigius, 450 m von der karolingerzeitlichen Pfalzanlage in Ingelheim, auch hier ganz neue Deutungsperspektiven zu den hier formulierten Fragen.
Bei archäologischen Ausgrabungen wurden 2012 mutmaßlich die Reste einer Piscina freigelegt, die nach Ausweis der stratifizierten Keramikfunde in das 6./7. Jahrhundert datiert. Der Befund wird von einer Grablege des 11. Jahrhunderts geschnitten, deren Sarkophaggruben etwa die Hälfte |des kreisrunden Mauerwerks und den größten Teil der Beckensohle vernichtet haben. Allerdings sind die erhaltenen Reste nach der Form und Bauart aussagekräftig: Sie sind mit frühchristlichen Taufbecken gut vergleichbar, zumal ihre Lage zwischen den Fundamenten von Vorgängerbauten der stehenden Remigiuskirche eine plausible Kontextualisierung nach Funktion, Raum und Zeit ermöglicht.
Das lehmgebundene Mauerwerk des Rundbeckens mit einem Innendurchmesser von 1,3 m wurde in die älteste Kulturschicht am Ort, eine 0,6 m starke humose Auffüllung, eingetieft. Die Kalkbruchsteine sind gegen die Erdschalung gemauert und auf der Beckeninnenseite mit einem zweilagigen, fein geglätteten Lehmputz überzogen. Ein Wulst ähnlich einem Viertelstab bildet in antiker Tradition den Übergang zur Beckensohle, die zur Mitte hin ein Gefälle aufweist. Vermutlich diente hier ein Abfluss zur Beckenentwässerung, der allerdings nicht erhalten ist. Die Beckensohle lag ca. 0,4 m unter dem zugehörigen Fußboden, einem über einer Steinstickung ausgebrachten Mörtelestrich. Es ist demnach gut vorstellbar, dass im zerstörten Westteil des Beckens zwei bis drei Stufen in die Piscina hinab führten.
Von der obertägigen Beckenwand hat sich ebenfalls ein Teilabschnitt erhalten. Diese Wandung war 0,3 m breit und zusätzlich auf der Außenseite verputzt. Der Putz war ebenfalls zweilagig, wobei die untere Schicht aus Lehm, die obere jedoch aus Kalkmörtel bestand. Künftige Laboruntersuchungen sollen klären helfen, ob sich hierin Ein- oder Zweiphasigkeit dokumentiert.
Ebenfalls an den Fortgang der laufenden Untersuchung ist die Frage adressiert, ob eine dicht neben dem Beckenrand gelegene Pfostengrube womöglich mit einem hölzernen Ziborium in Verbindung zu bringen ist. Konstruktionen dieser Art, die etwa beim Typus der Piscinen mit Vorsätzen am Beckenrand als Standlöcher im Mauerwerk eindeutig nachweisbar sind, zeichneten den Taufort architektonisch aus und könnten zudem für die Befestigung eines textilen Sichtschutzes |genutzt worden sein.1 Der Gesamtbefund weist Übereinstimmungen mit dem als Taufpiscina interpretierten Rundbecken der frühchristlichen Kirchengruppe unter dem Trierer Dom auf. Am Mittel- und Niederrhein sind ähnliche frühchristliche Taufbecken in St. Severus zu Boppard und im Baptisterium des Kölner Domes überliefert.2
Spätantike und frühmittelalterliche Schriftquellen vermitteln eine Vorstellung von der Taufliturgie, die an diesen Taufbecken mit regionalen und zeitlichen Differenzierungen praktiziert wurde, aber auch eine kleine Zahl bildlicher Darstellungen. Weitgehend in Übereinstimmung wird der zentrale Taufakt als ein Übergießen des im Becken stehenden Täuflings mittels Schale, Krug oder Ähnlichem dargestellt (infusio). Die in den Schriftquellen bezeichneten Nebenräume, die in direkter Nachbarschaft zur Piscina gelegen gewesen sein müssen, sind im archäologischen Befund nur selten mit zweifelsfreier Funktionsdeutung zu belegen.
Auch in der St. Remigiuskirche zu Ingelheim ist die Verortung des Taufbeckens noch nicht abgeschlossen, da die Ausgrabungen eben erst auf sein räumliches Umfeld ausgreifen. Es hat den Anschein, dass die heute vom spätromanischen Glockenturm eingehauste Piscina im Winkel von zwei Mauerwerken im Südteil der frühmittelalterlichen Kirche gelegen war. Die frühesten Gräber im heutigen Kirchhof und Keramikfunde datieren diese älteste bislang gefasste Vorgängerkirche in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts oder um 700.3
Während die Ausgrabungen im zeitlichen Vorlauf einer Turmsanierung und Kirchhof-Neugestaltung noch bis Ende 2013 fortdauern, geben die bisher erzielten Zwischenergebnisse bereits zu einer Neubewertung der frühen Geschichte Ingelheims bis zum Pfalzbau in der Zeit Karls des |Großen Anlass.4 Mehrere merowingerzeitliche Gräberfelder zwischen den frühmittelalterlichen Kirchen St. Remigius und St. Wigbert, darunter eines mit über 200 Bestattungen, und die Existenz eines Pfarrzentrums mit Tauffunktion bereits im 7. Jahrhundert lassen auf eine vergleichsweise komplexe Siedlung im Vorgelände des einstigen Mogontiacum schließen, die nach heutiger Kenntnis an einem Platz ohne eine größere römische Vorbesiedlung entstanden ist. Mit dem Bau der Pfalz am Ende des 8. Jahrhunderts etabliert sich hier dauerhaft ein königlicher Pfalzort neben der Bischofsstadt Mainz, in dem die Remigiuskirche neben ihrer Pfarrfunktion für zwei Jahrhunderte als Pfalzkirche genutzt wurde.5
Welche strukturellen Voraussetzungen besaß die kaiserliche Pfalz in Ingelheim? Wie waren christliches Leben und geistliche Ämter strukturiert? Besteht zwischen der bischöflichen Stadt Mainz und dem königlichen Zentrum Ingelheim ein direkter Zusammenhang mit Wechselwirkungen? Fragen dieser Art drängen sich nicht nur zu den Ingelheimer Befunden auf, sondern lassen sich auch auf andere Beispiele übertragen.
Die jüngst begonnene archäologische Klärung etwa zu den Pfalzbefunden in Aachen ermöglicht jetzt ein besseres Verständnis der über ein Jahrhundert entwickelten Palastanlage. Sie zeichnet sich durch das Alleinstellungsmerkmal der hochrepräsentativen Anlage der Marienkirche aus, des heutigen Domes. Einiges deutet darauf hin, dass die Geschichte der Pfalz Aachen genauso wie die kirchliche Baugeschichte schon unter Pippin, dem Vater Karls des Großen, begann. Wurden hier Erfahrungen gemacht und Strukturen angelegt, auf die man in Ingelheim zurückgriff? Oder sind klare Unterschiede zwischen beiden Konzeptionen festzustellen?
So wie der bischöfliche Zentralort Mainz im 9. Jahrhundert zu großer Blüte gelangte, wurde auch die Bischofsstadt Köln in dieser Zeit nochmals aufgewertet. Archäologische Untersuchungen jüngster Zeit zur bischöflichen Pfalz müssen noch ausgewertet und publiziert werden. Eine weltliche Residenz zeichnet sich aber für die Zeit Karls des Großen in Köln nicht ab.6
Während in Köln die Erforschung der frühchristlichen Traditionen nicht nur für die Bischofskirche und ihr Baptisterium weit gediehen ist und nur wenige Lücken wie z.B. für St. Kunibert und St. Cäcilien, wohl Kirchenbauten der jüngeren Merowingerzeit, zu schließen sind, gilt dies nicht für Mainz. Hier harren die Kirchengrabungen St. Alban und Dom/St. Johannis sowie verschiedene kleinere Untersuchungen an anderen Bauten der Aufarbeitung. Alle Kirchen besitzen auch Bau- und Ausstattungsphasen in der Karolingerzeit. Für Aachen zeichnet sich ab, dass unter dem Dom die Reste der Kirchenanlage des 8. Jahrhunderts bereits aufgefunden worden sind. Untersuchungsbedarf besteht dort vor allem hinsichtlich der Siedlungssituation des 9. Jahrhunderts und eines sich scheinbar abzeichnenden Bruchs in der Besiedlung zum folgenden Jahrhundert. Die archäologische Fundlage steht konträr zu der fortgesetzt feststellbaren historischen Bedeutung Aachens in ottonischer Zeit.
Sollte sich in Ingelheim neben der Existenz des – zumindest im Vergleich zur Pfalz Aachen – relativ kleinen Kirchenbaus im Pfalzareal nun eine weitere Kirche, diese mit älteren Traditionen, aus dem Grabungsbefund bestimmen lassen, wäre hier eine Art Dichotomie gegeben, zu der in Aachen noch jeder Kenntnisstand fehlt. Das Rundbecken von St. Remigius und die merowingerzeitlichen Gräber würden das Seelsorgezentrum eines Siedlungsplatzes fassbar machen. Man taufte also nicht nur im bischöflichen Zentrum, sondern erschloss auch das Land. Und vor dieser Grundlage ist auch die Wahl des Pfalzplatzes zu sehen. Hier ergeben sich Bezüge zu einem anderen Platz dieser Art nur wenige Kilometer rheinaufwärts, der Severuskirche in Boppard.
Für den Räume erforschenden Historiker ist besonders die Lage des Taufbeckens in Ingelheim und seinem Umland bemerkenswert. Wenige Kilometer entfernt von Mainz gelegen und bei der späteren Anlage der karolingischen Königspfalz zu Ingelheim nicht in deren Areal einbezogen, erscheint eine gewisse gewollte räumliche Distanz dieser Piscina zu erkennen zu sein. Wer wies diesem Ort die spezielle Funktion zu, wie lange |diente er für Taufen, war er schon vergessen, als Karl der Große vor der Mainzer Civitas sein palatium errichten ließ? Vor allem für die Erforschung der Christianisierung der Rhein-Main-Region ist der Fund höchst bedeutend. Wirkte der Ort auch über den Rhein hinaus in die fränkischen Gebiete östlich des Stromes, wo die ersten Zeugnisse der Mission überwiegend in die Zeit seit Bonifatius datieren? Der heute hessische Raum östlich des Rheins und nördlich des Mains ist zwar seit dem 6. Jahrhundert dem Frankenreich angegliedert, wird aber erst seit dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts – im Zuge der sogenannten ›Sachsenkriege‹ Karls des Großen – integriert, als er für die Aufmärsche nach Norden mit der notwendigen Infrastruktur ausgestattet wurde.
Böhner, Kurt (1964), Aus der Vor- und Frühgeschichte des Ingelheimer Landes, in: Autenrieth, Johanne, Ingelheim am Rhein, Ingelheim, 9–64
Grewe, Holger (2007), Die bauliche Entwicklung der Pfalz Ingelheim im Hochmittelalter am Beispiel der Sakralarchitektur, in: Ehlers, Caspar et al. (Hgg.), Zentren herrschaftlicher Repräsentation im Hochmittelalter. Geschichte, Architektur und Zeremoniell, Göttingen, 101–120
Hillen, Christian, Marcus Trier (2012), Zur Geschichte der Kölner Königspfalz, in: Geschichte in Köln 59, 5–42, https://doi.org/10.7788/gik.2012.59.1.5 (zuletzt abgerufen am 18.12.2013)
Ristow, Sebastian (2007), Frühes Christentum im Rheinland. Die Zeugnisse der archäologischen und historischen Quellen an Rhein, Maas und Mosel. Münster
Ristow, Sebastian (2010), Frühchristliche Kirchenarchäologie im Rhein-Mosel-Raum, in: Krohn, Niklot (Hg.), Kirchenarchäologie heute. Fragestellungen – Methoden – Ergebnisse, Darmstadt, 61–90
Schmitz, Hans (1974), Pfalz und Fiskus Ingelheim, Marburg
1 Zum Erscheinungsbild der Becken mit Ziborium vgl. die Rekonstruktionsvorschläge für entsprechende Befunde in Boppard und Köln: Ristow (2010).
2 Zusammenfassend bei Ristow (2007).
3 In den Schriftquellen wird die Kirche erstmals zu 741/742 erwähnt, vgl. Schmitz (1974), bes. 308–311.
4 Zum älteren Forschungsstand vgl. Böhner (1964).
5 Zusammenfassende Darstellung zur Sakraltopographie der Pfalz Ingelheim nach dem Kenntnisstand von 2004 bei Grewe (2007).
6 Vgl. einstweilen Hillen/Trier (2012).