Die Inquisition und ihre Wahrnehmung im Alten Reich *

Alexandra Kohlhöfer

Beim Stichwort Inquisition fällt der Blick zumeist nach Spanien, Portugal oder Italien und nicht auf das Alte Reich, denn dort wurde die Inquisition im Gegensatz zum Süden Europas nie institutionalisiert. Die Frage, warum es im Alten Reich nicht zur Einführung von Tribunalen kam und in welchen anderen Formen die Inquisition dort agierte, stand im Herbst 2009 im Zentrum einer Tagung, deren Ergebnisse nun in einem Sammelband vorliegen. Die Aktivitäten der Inquisition werden nicht nur für den deutschen Sprachraum analysiert, sondern auch mit anderen Ländern in Bezug gesetzt und verglichen. Dies erscheint sinnvoll, da die Inquisition und ihre Rezeption im Alten Reich ohne den Einbezug ihres Wirkens in den romanischen Ländern nicht beurteilt werden kann. Trotz der internationalen Bezüge stammen alle Beiträge, bis auf eine Ausnahme, aus der Feder deutschsprachiger Autoren. Es fällt dann auch auf, dass die spanische Inquisition – abgesehen von den Tribunalen in den spanischen Niederlanden – im Gegensatz zur italienischen und portugiesischen nicht thematisiert wird. Auch in der Einführung wird so gut wie keine aktuelle spanische Literatur genannt. Hier zeigt sich, dass ihre Erforschung auf deutscher Seite bisher kaum betrieben noch rezipiert wurde. Auch die zentrale Frage, ob es Pläne zur Institutionalisierung einer Inquisition in einzelnen katholischen Territorien gab, ist nach wie vor ein Forschungsdesiderat. Auszuschließen ist diese Möglichkeit laut den Herausgebern nicht. Warum es nicht dazu kam, wird mit der Durchsetzung des landesherrlichen Kirchenregiments begründet sowie mit Vorbehalten der Fürsten, für die eine institutionalisierte Inquisition eine Beschränkung ihrer Herrschaftsrechte bedeutet hätte.

Der Band gruppiert die Beiträge in fünf systematische Abschnitte: Der erste, historiographische Teil beginnt mit der Einführung der Herausgeber »Deutschland und die Inquisition in der Frühen Neuzeit – eine Standortbestimmung«. Hier werden die einzelnen Themenfelder sowie der Forschungsstand jeweils äußerst kenntnisreich anhand einer Fülle von Fallbeispielen umrissen. Thomas Scharff ergänzt diese Ausführungen mit den strukturellen Differenzen zwischen Deutschland und den romanischen Ländern in der Frühphase der Inquisition in Europa.

Im zweiten Teil geht es um »Mediale Repräsentationen der Inquisition im Reich«. Marie von Lüneburg beschäftigt sich in ihrem Dissertationsprojekt mit der Rezeption der Inquisition in deutschsprachigen Flugschriften und stellt erste Ergebnisse vor. Sie legt dar, dass nicht nur das inquisitorische Vorgehen in den spanischen Niederlanden als Bedrohung wahrgenommen wurde, sondern auch die römische Inquisition, was vor allem zu einer Negativbewertung des Papsttums führte. Monique Weis forscht ebenfalls zur Wahrnehmung der Inquisition im Alten Reich und zieht als Grundlage Quellen der deutsch-niederländischen Diplomatie heran. Auch hier verschob sich der Fokus: Während zur Zeit des niederländischen Aufstands vor allem die Furcht vor der Spanischen Inquisition dominiert habe, sei ab den ausgehenden 1560er Jahren die Angst vor einem übermächtigen Katholizismus gewachsen. Gerd Schwerhoff thematisiert den Aufbau antiinquisitorischer Publizistik exemplarisch am sogenannten |»Montanus«-Traktat. Die Schrift gilt als einflussreichste Kritik an der frühneuzeitlichen Inquisition und erschien 1567 im reformierten Heidelberg. Schwerhoff führt anhand des Textes und seiner Rezeption pointiert alle Bestandteile der »Schwarzen Legende« der Inquisition zusammen und macht die Entstehung des Inquisitionsmythos nachvollziehbar.

Der dritte Teil »Kontrolle der Grenzgänger« fällt umfangreicher aus und bietet zunächst einzelne Fallbeispiele: Peter Schmidt widmet sich einem Lebensabschnitt von Justus Lipsius, der 1591 an der Universität Pisa lehren wollte, sich aber aus politisch-strategischen Gründen dagegen entschied, um zu keiner Konfession zu deutlich Stellung beziehen zu müssen. Rainer Decker folgt dem Münsteraner Asver Bispinck auf seiner Bildungsreise nach Italien, wo er 1615 der Häresie beschuldigt und von der Inquisition verhaftet wurde. Im Venedig des 17. Jahrhunderts stellte sich ein junger portugiesischer Jude – ursprünglich katholischer Herkunft – der Inquisition, um erneut zum Christentum zu konvertieren; sein Schicksal zeichnet Michael Studemund-Halévy nach. Die anderen drei Aufsätze bieten eher Überblicke: Im einzig englischsprachigen Beitrag stellt Isabel M.R. Mendes Drumond Braga das Verhältnis zwischen den Deutschen und der portugiesischen Inquisition im 16. und 17. Jahrhundert dar; Julia Zunckel untersucht die Versuche der römischen Inquisition, die Kaufleute zu kontrollieren; Ricarda Matheus lenkt den Blick schließlich auf den Hauptsitz der römischen Inquisition und thematisiert das Alltagsgeschäft des Heiligen Offiziums in Rom.

Der vierte Teil führt zurück in das frühneuzeitliche Alte Reich und fragt nach »Einflusssphären der Inquisition im Reich«. Cecilia Cristellon untersucht die Bearbeitung frühneuzeitlicher Mischehen durch die Römische Inquisition und zeigt, dass die Einflussnahme auf Eheschließungen innerhalb des Adels für die Inquisition von hoher politischer Relevanz war. Marco Cavarzere behandelt die römische Zensur und hilft mit seiner gelungenen Überblicksdarstellung eine Forschungslücke zu schließen, da es bisher an Gesamtdarstellungen mangelte.

Das Thema des fünften Teils »Sanktionierung religiöser Devianz jenseits der Inquisition« erstaunt zunächst. Die Herausgeber begründen die Aufnahme damit, dass es bisher an komparatistischen Arbeiten hierzu mangele. Diese Beobachtung trifft gewiss zu, doch es stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, die internationale Inquisitionsforschung in direkte Beziehung zur Devianz zu setzen. Eine Verknüpfung zwischen Inquisitions- und Kriminalitätsforschung wäre wünschenswert und ließe aufschlussreiche Ergebnisse erwarten. Heinrich Richard Schmidt fragt nach der Übernahme inquisitorischer Häresiebekämpfung auf reformatorischer Seite am Beispiel des Vorgehens gegen Täufer und Pietisten in Bern. Rainer Beck umreißt in seinem Beitrag Aspekte der Freisinger Kinderhexenprozesse von 1721–23, die er bereits in seiner vielbeachteten Monographie ausführlicher analysiert hat. Da die Herausgeber selbst in der Einführung darauf hinweisen, dass Besessenheit und Hexerei für die Inquisition kaum eine Rolle spielten, ist es fraglich, warum diese – zweifelsohne spannende und aufschlussreiche Studie – in den Sammelband aufgenommen wurde.

Abgerundet wird der Band im sechsten Teil zu Inquisitionsbildern und Inquisitionspraxis durch die Einbeziehung des 18. Jahrhunderts, als die Inquisition bereits an Handlungsmacht eingebüßt hatte und zunehmend in die Kritik geraten war. Albrecht Burkardt behandelt in diesem Zusammenhang den Wallfahrtsort Ursberg. Der Ort war bekannt dafür, dass dort totgeborene oder kurz nach der Geburt gestorbene Kinder getauft wurden, was die römische Inquisition zu einem Verbot dieser Praxis veranlasste. Den letzten Beitrag steuert Andreas Gipper bei, der den aufklärerischen Inquisitionsdiskurs im Werk Friedrichs II. analysiert. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die grundsätzliche Kritik an der Inquisition im Zuge der Aufklärung zwar häufig wenig Bezug zu konkreten historischen Geschehnissen in Spanien oder Italien hatte, sich aber auch nicht auf Scheinrhetorik reduzieren lässt.

Insgesamt bietet der Band einen guten Überblick über die Perspektiven der Inquisitionsforschung für das Alte Reich und ihre Schwerpunkte. Es wird deutlich, dass die Beziehungen zur römischen Inquisition bevorzugt untersucht werden, während Untersuchungen zur spanischen Inquisition auf deutscher Seite immer noch rar sind. Die Hinwendung zur portugiesischen Inquisition lässt hoffen, dass der Iberischen Halbinsel als Untersuchungsraum in Zukunft mehr Beachtung geschenkt wird.

Notes

* Tribunal der Barbaren? Deutschland und die Inquisition in der Frühen Neuzeit, hg. von Albrecht Burckhardt und Gerd Schwerhoff unter Mitwirkung von Dieter R. Bauer (Konflikte und Kultur – Historische Perspektiven 25), Konstanz, München: UVK-Verl.-Ges. 2012, 450 S., ISBN 978-3-86764-371-9